Behandlungsfehler

Haftungsrisiken für Medizinstudenten im praktischen Jahr: Durchführung ärztlicher Verrichtungen nur unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes, § 3 Abs. 4 ÄApprO. Nichtbeachtung dieser Regelungen stellt eine  grobe Sorgfaltspflichtverletzung dar, LG Bielefeld · Urteil vom 14. August 2013 · Az. 011 Ns-16 Js 279/11-11/13

Der Fall:

Ein Medizinstudent wurde durch das Amtsgerichts Bielefeld wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 15,00 € verurteilt worden.

Das LG Bielefeld  minderte auf Berufung des Verurteilten die Strafe bis auf 90 Tagessätze zu je 20,00 €.

Dem Urteil lagen folgende Feststellungen zu Grunde:

Der zur Tatzeit 29 Jahre alte Mediziner leistete im Rahmen seines  Medizinstudiums an der Universität praktisches Jahr u.a. an der onkologischen Station der Kinderklinik des Evangelischen Krankenhaus in Bielefeld.  Dort befand sich in der stationären Behandlung ein 8 Monate altes Kind T. mit der Diagnose einer akuten myeloischen Leukämie.  T. erhielt eine zytostatische Therapie. Bis zum Tattag war der erste Zyklus abgeschlossen. Das sogenannte "Zelltief" war gerade erreicht. Wegen der durch die Chemotherapie hervor gerufenen Infektanfälligkeit erhielt er prophylaktisch das Antibiotikum "Cotrimoxazol" als Cotrim-K Saft oral verabreicht. Seine Mutter war von den Schwestern eingewiesen worden und hatte ihrem Sohn jeweils montags, mittwochs und freitags den Cotrim-K Saft nach dem Füttern auf die Zunge geträufelt.

Für die orale Vergabe von Medikamenten wurden auf der Station normale Spritzen der Firma Braun verwendet. Sie konnten auf übliche Port-Katheter aufgesetzt werden, da der Konusdurchmesser identisch war.

Auf der Station fand am Tattag in der Früh eine Übergabebesprechung  statt. Daran nahmen die Krankenschwester Frau A. und die Stationsärztin Frau Dr. Z. teil. Der Angeklagte kam erst etwas verspätet hinzu.

Nach Abschluss der Übergabebesprechung fragte Frau A. den Angeklagten, ob er bei T. die Blutentnahme durchführen könne. Der Angeklagte erklärte sich dazu bereit.

Weiterhin teilte Frau A. dem Angeklagten mit, dass T. Refobacin gegeben werde. Sie erläuterte ihm, dass der Refobacin Tag-Berg-Spiegel bedeute, dass 30 Minuten vor der Refobacin-Gabe Blut in einem kleinem Serumröhrchen entnommen, danach Refobacin angehangen und 30 Minuten später nochmals eine Blutentnahme durchgeführt werde. Für sie war klar, dass der Angeklagte zunächst erst mal nur die erste Blutentnahme durchführen sollte und hatte seine Zusage auch in diesem Sinne verstanden.

 Er hingegen ging aber irrtümlicherweise davon aus, beide Blutentnahmen und auch die Refobacin-Gabe vornehmen zu müssen, obwohl Frau A. den Auftrag klar formuliert auf eine Blutentnahme beschränkt hatte.

Die Durchführung einer Blutentnahme bei einem zentralen Venenkatheter war für den Angeklagten nichts Ungewöhnliches. Er befand sich bereits seit ca. sechs Monaten im praktischen Jahr und wurde von den Stations- und Oberärzten gut angeleitet worden. Er durfte unter Arztaufsicht und in der Anwesenheit eines Arztes selbst ärztliche Maßnahmen, insbesondere Blutentnahmen, aber auch die Vergabe von Spritzen durchführen.

Inzwischen hatte die Krankenschwester Frau A. 3,75 ml Cotrim-K-Saft in eine 5 ml Spritze der Firma Braun aufgezogen und einen roten Kombistopper auf den Konus der Spritze gesteckt. Als sie die Zimmertür öffnete, bemerkte sie den Angeklagten, der damit beschäftigt war, bei T. aus dem liegenden Venenkatheter, an dem eine Heidelberger-Verlängerung angebracht war, Blut zu entnehmen.

Frau A. sagte zur Kindesmutter, sie habe hier das orale Antibiotikum, sie lege das hier hin. Sie hatte dabei einen kurzen Blickkontakt mit der Kindesmutter. Anschließend legte sie die nicht beschriftete Spritze auf den Nachttischschrank. Frau A. verließ danach sofort wieder das Zimmer. Ein Blickkontakt mit dem Angeklagten hatte nicht stattgefunden. Er war mit der Blutentnahme beschäftigt gewesen und hatte ihr den Rücken zugewandt.

Kurz danach hatte der Angeklagte die Blutentnahme abgeschlossen. Er verließ das Zimmer und begab sich mit der Blutprobe in einen Nebenraum, um das Blut in das dafür vorgesehene Serum-Röhrchen zu füllen und es für das Labor zu beschriften. Auf allen Stationen der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in D. werden die intravenös zu applizierenden Spritzen einheitlich vorbereitet. Auf jeder Station gibt es eine sogenannte "Spritzenecke". Darunter ist ein Tisch zu verstehen, auf dem die Spritzen gebrauchsfertig abgelegt werden. Morgens ziehen die Krankenschwestern die Spritzen auf. Jede Spritze wird mit dem Namen des Patienten, dem Medikament, der Dosierung, dem Datum, der Zeit und dem Ort beschriftet. Jede Spritze ist mit einer Kanüle versehen, die sich in einer Kunststoffschutzhülle befindet. Beigefügt ist ein Kontrollzettel, auf dem der die Applikation vornehmende Arzt den Vorgang mit seiner Unterschrift dokumentieren muss. Diese krankenhausinterne einheitliche Handhabung der intravenösen Spritzen war dem Angeklagten bekannt.

Als der Angeklagte in das Zimmer zurückgekehrt ist, ging er zum Nachttischschrank, nahm die dort von Frau A. abgelegte Spritze mit dem Cotrim-K-Saft und applizierte den Inhalt in den liegenden Venenkatheter. Dabei sagte er zu Kindesmutter, wir müssen das Antibiotikum geben. Diese wunderte sich, dass der Angeklagte die Spritze in den Katheter entleerte, wusste sie doch, dass sie den Spritzeninhalt ihrem Sohn wieder oral in den Mund träufeln sollte. Sie war aber zu überrascht, um noch nachzufragen.

Der Angeklagte ging irrtümlich davon aus, in der Spritze würde sich das Antibiotikum Refobacin befinden. Er hatte fälschlicherweise angenommen, von Frau A. den Auftrag für beide Blutentnahmen und der Vergabe des Refobacin erhalten zu haben.

Frau A. begab sich in Zimmer 204, um das Refobacin anzuhängen. Dabei fiel ihr auf, dass T. bereits blau angelaufen war, die Pupillen starr geweitet waren und er angestrengt atmete.

Zu Frau A. gewandt sagte die Kindesmutter, ihr Sohn sei gerade so komisch. Auch fragte sie, warum er das Antibiotikum in die Vene bekommen habe. Als Frau A., während sie die Pulsoximetrie anschloss, verständnislos nachfragte, welches Antibiotikum gemeint sei, kehrte der Angeklagte ins Zimmer zurück. Er wies sofort darauf hin, den Inhalt der Spritze, die Frau A. auf den Nachttischschrank gelegt hatte, in den liegenden Katheter intravenös appliziert zu haben. Der Angeklagte war noch immer in dem Glauben, Refobacin verabreicht zu haben.

Durch die intravenöse Gabe des oral zu verabreichenden Antibiotikums hatte T. einen anaphylaktischen Schock erlitten. Es folgte eine ca. dreieinhalbstündige Reanimation mit Gabe zahlreicher entsprechender Medikamente einschließlich einer Lysetherapie. Im durchgeführten Notfallecho zeigte sich eine sehr schlechte rechtsventrikuläre Kontraktilität und Dilatation des rechten Ventrikels. Deshalb wurde unter der Vorstellung einer Thrombosierung der pulmonalen Strombahn durch Mikroembolisierung der fehlapplizierten Medikamentenmenge zusätzlich eine Heparinisierung begonnen und eine aktive Lysetherapie durchgeführt.

Nachdem die Pupillen des Kindes seit über einer Stunde weit und lichtstarr waren, wurden die Reanimationsmaßnahmen nicht ausgeweitet und der Tod um 12:28 Uhr festgestellt. Als Todesart wurde "nicht natürlich" angegeben, als Todesursache "Prothahirter foudroyanter Schock. Fehlinjektion eines oralen Medikamentes i. v., Zustand nach zytostatischer Therapie einer akuten myeloischen Leukämie".

Nach dem Tatgeschehen setzte er sein praktisches Jahr im sozialpädiatrischen Zentrum fort. Im Januar 2013 hat er seine Approbation erlangt. Er arbeitet als Arzt und erzielt ein monatliches Nettoeinkommen von ca. 2.100,00 €.

Strafrechtlich ist er noch nicht in Erscheinung getreten.

Entscheidung des Gerichts:

Bei Beachtung der im Verkehr erforderlichen und ihm möglichen Sorgfalt hätte der Angeklagte erkennen können und müssen, dass er die Spritze nicht intravenös applizieren durfte. Denn die Spritze war unbeschriftet und auch nicht mit einer Nadel versehen. 

Der Angeklagte hat sich danach einer fahrlässigen Tötung gemäß § 222 StGB schuldig gemacht. Er hat grob fahrlässig gehandelt. Bei Beachtung der im Verkehr erforderlichen und ihm möglichen Sorgfalt hätte er erkennen können, dass er die von Frau A. auf dem Nachttischschrank abgelegte und den Cotrim-K-Saft enthaltende Spritze bei T. nicht intravenös applizieren durfte.

Zudem war aus den Umständen der Ablage der Spritze auf dem Nachttischschrank sowie dem Aussehen der Spritze klar erkennbar, dass es sich nicht um eine für eine intravenöse Vergabe vorbereitete Spritze handelte. Frau A. hatte die Spritze auf dem Nachttischschrank abgelegt, nicht etwa mit Tupfer und Desinfektionsmittel auf einem separaten Tablett hereingebracht. Der Konus der Spritze war mit einem roten Kombistopfen verschlossen. Auf der Spritze befand sich keine Nadel mit Schutzhülle. Insbesondere aber war auf der Spritze kein Klebeetikett mit Beschriftung angebracht.

Der Angeklagte kannte die "Spritzenecken" und die in der Klinik allgemein übliche Handhabung der intravenösen Applikation. Zudem hatte er auch bereits selbst Spritzen intravenös injiziert.

Bei umfassender Gesamtwürdigung der Situation und seiner individuellen Kenntnisse und Fähigkeiten hätte der Angeklagte unter keinen Umständen die Spritze mit dem Cotrim-K-Saft intravenös in den liegenden Katheter applizieren dürfen. Der Angeklagte hätte jedenfalls zumindest bei Frau A. nachfragen müssen, um sich über den Inhalt der Spritze und deren Verwendung Klarheit zu verschaffen.

Auswirkungen für die Praxis:

Eine zivilrechtliche Haftung aus Arztfehler ist kein Seltenfall (mehr). Allerdings werden Medizinstudenten zivilrechtlich selten in Anspruch genommen. Der Grund dafür ist, dass der Haftungsfall oft auf Organisationsverschulden hinaus läuft. Der Fall einer strafrechtlichen Haftung eines Medizinstudenten ist – soweit ersichtlich - bis lang noch nie vorgekommen. Bemerkenswert ist, dass weder der Chefarzt der Bielefelder Kinder- und Jugendmedizin noch die Krankenschwester, die die Spritze aufgezogen und unbeschriftet in das Patientenzimmer gelegt hatte, belangt wurden. Für die orale Vergabe von Medikamenten wurden auf der Station immerhin normale Spritzen verwandt. Der Fehler war also vorprogrammiert. Laut gerichtlichen Feststellungen waren n den USA von 2003 bis 2006 33 Fälle bekannt geworden in denen Patienten mit Spritzen Oral zu verabreichende Mittel intravenös appliziert worden waren. Zur Vermeidung von solchen Falschapplikationsfällen wurde in Fachkreisen vorgeschlagen, für die orale Vergabe nur Spritzen einzusetzen, die keinen Lueradapter aufwiesen. Zudem sollten solche Spritzen zusätzlich exakt beschriftet werden. 

Nach dem Vorfall wurde in der Klinik sofort angeordnet, dass nur noch Sondenspritzen für die orale Vergabe von Medikamenten benutzt werden sollten, anschließend wurden Oralspritzen der Firma Braun benutzt. In anderen Kliniken werden aber möglicherweise noch immer Normalspritzen für die orale Medikamentenvergabe verwendet.