Stürze im Krankenhaus gehören zum Alltag. Wann führen sie zur Haftung?

 Stürze im Krankenhaus

Wichtige Frage: Erfolgte der Sturz

  • unter Bedingungen, in denen das Risiko eines Sturzereignisses voll beherrschbar gewesen wäre, zum Beispiel bei Gehübungen unter Aufsicht, Umlagerungen, Patiententransport oder
  • bei Verwendung von Bettgitter und Fixierung

Ausgehend davon wird geprüft, inwieweit das betroffene ärztliche und Pflegepersonal die erforderliche Obhutspflicht im konkreten Fall unter Beachtung aller Umstände ausreichend wahrgenommen hat.

Beweislast für die Ursache der Verletzung trägt immer der Patient, hier Oberschenkelhalsbruch einer gestürzten Heimbewohnerin

Fall 1: Sturz im Patientenzimmer

Bei einer 72-jährigen Frau wurde im Rahmen der Behandlung eines diabetischen Fußsyndroms die Amputation der rechten Großzehe erforderlich. Die Operation erfolgte am dritten Behandlungstag. Zwei Tage später stürzte die Patientin nachts im Patientenzimmer, als sie die Zimmertoilette aufsuchen wollte.

Die Patientin war bis zur Zehenoperation mobil und erforderte keine besonderen Pflege- oder Sicherungsmaßnahmen. Weder im Pflegebericht noch in der ärztlichen Befunderhebung finden sich irgendwelche Eintragungen über körperliche Behinderungen oder Verhaltensstörungen.

Zwei Tage später hatte die Patientin akut Durchfall bekommen. Nach dem Verlassen des Bettes trat vor Erreichen der Toilette durchfälliger Stuhlgang ein. Die Patientin ist auf eigenem Stuhlgang ausgerutscht und hingefallen. Hierbei zog sie sich eine pertrochantere Oberschenkelfraktur rechts zu. Die Fraktur wurde noch am gleichen Tag mittels Gamma-Nagel stabilisiert. Hinsichtlich der Wundheilung waren beide Operationen unkompliziert.

Ergebnis: Bei der Patientin hatte es bis zum Sturzereignis keine Hinweise für eine besondere Sturzgefährdung gegeben, insbesondere nicht durch Einschränkung der Selbstkontrolle, Steh- und Gehinstabilität, Kreislaufsymptome.

Der Sturz war nicht vorhersehbar. Besondere Schutzmaßnahmen, insbesondere das Anbringen von Bettgittern, waren nicht begründet, letztere unter den gegebenen Umständen sogar unzulässig. Diese Maßnahmen stellen grundsätzlich einen Eingriff in die persönliche (Fortbewegungs-)Freiheit des Patienten dar. und setzen seine Einwilligung voraus. Eine solche lag hier nicht vor. Sofern nicht primär die persönliche oder vormundschaftliche Einwilligung vorliegt, ist in begründeten Notfällen zwar die Einwilligung durch vormundschaftliche Gerichtsentscheidung schnellstmöglich einzuholen. Ein solcher Fall war hier aber nicht gegeben, weil es bei der Patientin bis zum Sturzereignis keine Hinweise für eine besondere Sturzgefährdung gegeben hätten.

Verletzungen der Sorgfaltspflicht waren nicht erkennbar. Schadenersatzansprüche ließen sich somit nicht begründen.

Fall 2: Sturz vom OP-Tisch

Ein 72-jähriger Mann war durch eine allgemeine Angiosklerose gesundheitlich schwer beeinträchtigt, unter anderem Zustand nach Schlaganfall mit Hemiparese rechts, arterielle Verschlusskrankheit mit Zustand nach Oberschenkelamputation rechts, Hypertonie, ischämische Herzkrankheit mit Zustand nach kürzlich eingetretenem Herzinfarkt. Wegen des zuletzt genannten Befundes wurde in der kardiologischen Abteilung eines Krankenhauses eine Linksherzkatheteruntersuchung durchgeführt.

Während dieser Untersuchung stürzte der Patient vom Operationstisch auf den Fußboden und zog sich eine Milzruptur und Zwerchfellruptur links zu. In welcher Weise der erhöhten Sturzgefahr bei der Lagerung tatsächlich Rechnung getragen wurde, ist nicht dokumentiert.

Ergebnis:

Es bestand eine erhöhte Sturzgefahr, unter anderem wegen der eingeschränkten eigenen Lagekontrolle auf dem schmalen Operationstisch.

Die Eigenkontrolle war zusätzlich eingeschränkt durch die intravenöse Gabe von 2 mg Dormicum.

Der Sturz hätte durch geeignete Maßnahmen, wie Anbringen von (zusätzlichen) Stützen am Operationstisch und anderer Lagerungshilfsmittel verhindert werden können.

Daher hat sich   in dem Sturz ein voll beherrschbares Risiko des Krankenhauses verwirklicht. Die Haftung des Krankenhauses ist gegeben.

 Fall 3: Sturz bei Umlagerung

Anlässlich einer Gallenblasenoperation sechs Monate später stürzte die 45-jährige Patientin bei der Umlagerung vom Operationstisch in das Bett auf den Fußboden, wobei sie sich schmerzhafte Prellungen auf der rechten Körperseite zuzog. Beim Umlagern vom Operationstisch in das Bett wurden die Betträder nicht arretiert. Beim Umlagerungsvorgang  ist das Bett seitlich weggerollt und die Patientin stützte zwischen Operationstisch und Bett auf den Fußboden. Die Behandlungsunterlagen enthielten keinerlei Angaben zu dem Sturzereignis.

Im weiteren Verlauf trat keine knöcherne Konsolidierung der Arthrodese des oberen Sprunggelenkes ein. Dreieinhalb Monate später erfolgte daher eine erneute Arthrodeseoperation in Form der Stabilisierung durch Nägel und Implantation von Spongiosa. Dieser Eingriff war erfolgreich.

Ergebnis:

Der Gewährleistung der Patientensicherheit nicht Rechnung getragen. Die unterlassene Arretierung der Betträder entsprach einem Sorgfaltsmangel, der ursächlich für den Sturz war. Es hat sich ein voll beherrschbares Risiko verwirklicht, für dessen Folgen das Krankenhaus haftete.

 Fall 4: Sturz in der Stationstoilette

Ein 58-jähriger Mann wurde an einem Leistenbruchrezidiv operiert. Die in Intubationsnarkose durchgeführte Operation dauerte zwei Stunden. Der Patient wurde nach der Operation kurzfristig im Aufwachraum überwacht und bei normalen Kreislaufwerten auf die Normalstation zurückverlegt. Etwa drei Stunden nach Operationsende wurde der Patient unter Begleitung eines Stationspflegers zur Stationstoilette geführt.

Im Toilettenraum wurde der Patient alleingelassen.

Dort kam es zu einem unbeobachteten Sturzereignis, das der Patient später wie folgt schilderte: "Beim Hinsetzen wurde ich ohnmächtig und stürzte".

Der Patient wurde am zweiten postoperativen Tag gut mobilisiert nach Hause entlassen. Zu Hause traten zunehmend Rückenschmerzen auf, die zwölf Tage nach der Operation zur Vorstellung beim Hausarzt führten. Dieser stellte röntgenologisch Serienfrakturen der Brustwirbelkörper  fest.

Ergebnis:

Das selbständige Verlassen des Bettes zirka drei Stunden nach einer zweistündigen Intubationsnarkose war, auch in Begleitung eines Pflegers, nicht vertretbar. In dieser postoperativen Phase muss grundsätzlich noch mit einer Kollapsneigung oder einem motorischen Koordinationsmangel gerechnet werden.

Keinesfalls hätte der Patient auf der Toilette unbeobachtet gelassen werden dürfen. Hier hat die pflegerische Seite nicht die gebotene Sorgfalt gewahrt, so dass das Sturzereignis als Folge eines Behandlungsfehlers (Pflegefehlers) einzuordnen war.

 Fall 5: Sturz  von der noch hochgestellten Massageliege

Nach Ende der Massagenbehandlung versuchte der 85-jährige Patient von der noch hochgestellten Massageliege aufzustehen. Er glitt dabei aus und stürzte zu Boden. Er zog sich einen Bruch des 12 Brustwirbels zu, wurde anschließend zwei Wochen stationär behandelt und musste für den Zeitraum von 6 Monaten ein Korsett tragen. Die Behandlungskosten beliefen sich auf 10.843,38 Euro. Der Patient leidet nach wie vor an Schmerzen im Brustwirbelbereich, die in die Beckenregion ausstrahlen. Aufgrund des Sturzes ist er pflegebedürftig in der Pflegestufe I.

Nach Feststellungen des Gerichts hat der Arzt den Behandlungsraum nach der Massage verlassen, ohne die Liege herunter zu fahren oder dem Patienten beim Absteigen behilflich zu sein. Der Patient hat dann durch lautes Rufen versucht, auf sich aufmerksam zu machen, bevor er schließlich versucht hat, selbständig von der Liege aufzustehen.

Das Gericht verurteilte das Krankenhaus zu Zahlung von Behandlungskosten von 10.843,38 Euro und stellte fest, dass der Krankenhausträger und der behandelnde Arzt gesamtschuldnerisch verpflichtet sind, sämtliche Schäden zu ersetzen, die in Zukunft als Folge des Unfalls entstehen werden. Dabei führte das Gericht aus: Der Sturz eines 85 Jahre alten Patienten beim Versuch, ohne Hilfe des Therapeuten aus der Bauchlage nach Ende einer Ganzkörpermassage von einer Massageliege abzusteigen, gehört zu dem voll beherrschbaren Gefahrenbereich des Krankenhauses, so dass es dem Krankenhausträger obliegt, darzulegen und nachzuweisen, dass der Sturz nicht auf einem Fehlverhalten des Klinikpersonals beruht.